Ich denke mir, ich habe eigentlich nichts zu verlieren"

22.07.2021 –  Thorsten Eisenhofer

Anabel Knoll fährt unbedarft, aber trotzdem mit klaren Zielen zu den Olympischen Spielen. Wir haben mit der 25-Jährigen über die Lockerheit als ihren großen Trumpf, Momente, die fast genauso wichtig sind wie der Wettkampf an sich und ein nicht gerade perfektes Rennen, mit dem sie aber doch viele positiv überrascht hat, gesprochen.

Anabel Knoll

Anabel, war dir beim Überqueren der Ziellinie beim internen Qualifikationswettkampf in Kienbaum eigentlich klar, dass du gerade einen Olympia-Startplatz geholt hast?

Als ich ins Ziel gekommen bin, dachte ich eigentlich: das war jetzt nichts, ich habe das Ticket verspielt. Mir ging es beim Laufen super. Ich habe aber auf dem Rad einige Fehler gemacht, die gegenüber solch starker Konkurrenz eigentlich nicht verzeihbar sind. Irgendwann habe ich dann jedoch gemerkt: du scheinst es gemacht zu haben. Aber realisiert habe ich es erst viel später.

Wie hast du die Stunden danach erlebt?

Stressig (lacht). Ich habe so viele Nachrichten erhalten, so viele Leute wollten etwas von mir. Wenn man selbst noch nicht realisiert hat, was man gerade erreicht hat, ist das schon auch überfordernd.

Was war der schönste Moment an diesem Tag?

Der Moment, in dem ich gesagt bekommen habe, dass ich gewonnen habe und zu Olympia fahren werde. Der schönste Moment rund um die Qualifikation war für mich aber eigentlich nicht an diesem Tag, sondern ein paar Tage später, als ich realisiert habe, dass ich es wirklich geschafft habe und mir niemand mehr diesen Platz wegnehmen kann.

Wie fühlt es sich an, zu Olympia zu dürfen?

Kann ich noch gar nicht sagen. Ich denke, dass das bei mir erst richtig bei mir ankommt, wenn ich in das Flugzeug steige und die Aufregung so richtig steigt. Bislang war noch gar nicht so viel anders, außer dass ich viel mehr Termine wahrnehmen darf als zuvor.

Ist das alles also noch ein bisschen surreal?

Auf alle Fälle.

Wie wichtig ist gerade dein Papa als Trainer für dich mit seinen Erfahrungen?

Er hilft, weil er ruhig und bodenständig bleibt und einen klaren Kopf behält. Er sagt dann auch schon mal, es bringt jetzt nichts, wenn du da noch mehr willst. Er spielt den Gegenpol zu mir, die mehr, mehr, mehr will. Ich will überall noch etwas rausholen. Aber das macht ja zum Teil in den letzten Wochen vor den Spielen gar keinen Sinn mehr.

Du hast noch nicht viele große internationale Rennen gemacht, bist beispielsweise noch nie in der World Triathlon Championship Series gestartet.

Mir fehlt natürlich die Erfahrung. Aber vielleicht ist es auch ein Vorteil, wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt, unbedarft agiert.

Ist Unbedarftheit eine Tugend, die du dir auch zuschreibst?

Ja, schon. Ich wirke nach außen immer relativ locker. Natürlich macht man sich selbst immer am meisten Druck. Ich versuche schon alles immer relativ entspannt anzugehen und denke mir, du hast ja eigentlich nichts zu verlieren.

Das war vermutlich in Kienbaum auch dein großer Vorteil.

Auf jeden Fall. Ich bin da reingegangen und habe gesagt: Ich kann entweder das Ticket holen. Oder nicht. Und wenn es nicht klappt, dann ist es eben so. Dann probiere ich es das nächste Mal wieder.

Was würdest du gerne von den Olympischen Spielen mitnehmen?

Jonas Schomburg ruft aus dem Hintergrund: eine Medaille.

(lacht) Am besten eine Teammedaille (lacht erneut).

Mein Traum wäre das natürlich schon. Im Einzel rechne ich mir nicht allzu viel aus. Aber im Team sind wir gut aufgestellt, werden alle unser Bestes geben. Dann ist eine gute Platzierung auf alle Fälle möglich.

Und dann würdest du gerne noch sehen, wie Jonas eine Medaille im Einzel holt?

Der holt sowieso Gold (lacht).

Welche Erfahrungen würdest du in Tokio gerne machen?

Es ist schade, dass man aufgrund von Corona nicht so viel mitnehmen wird können. Mein Papa erzählt oft von 2008, als er mit Jan Frodeno in Peking war und wie er mit Michael Phelps (mehrfacher Goldmedaillengewinner im Schwimmen, Anm. d. Red.) am Frühstückstisch gesessen hat. Solche Begegnungen sind einer der Gründe, warum ich den Sport mache, warum ich unbedingt zu Olympia will.

Sind solche Momente für sich also fast genauso wichtig wie der Wettkampf?

Natürlich ist die persönliche Leistung ein wichtiger Grund. Aber der Kontakt zu anderen Sportler*innen, anderen Menschen, gibt mir sehr viel, ist auch ein Punkt, weswegen ich schon lange davon träume, bei Olympia dabei zu sein.

Vermutlich ist dir das auch über die Olympischen Spiele hinaus wichtig?

Ich bin sehr froh über die Zeit, in der ich in den USA studiert habe. Das hat mir so viel gegeben. Andere Menschen und Kulturen kennenzulernen, ist einfach unbezahlbar.

Wie hat dich die Zeit in den USA geprägt und gegebenenfalls auch verändert?

Ich bin selbstständiger geworden. Und es hat mir gezeigt, dass Sport nicht alles ist, es neben dem Sport auch noch andere Dinge gibt. Mir ist es ganz wichtig, neben dem Sport auch ein soziales Leben zu haben und neue Freunde zu finden.

Kommt daher auch die vorhin schon angesprochene Lockerheit?

Da hilft sicherlich auch mein Studium, weil ich weiß, ich muss mit dem Sport kein Geld verdienen. Natürlich will ich im Sport etwas erreichen. Aber diese Einstellung nimmt trotzdem eine kleine Last von mir.

Warst du früher verkrampfter?

Ich war furchtbar nervös vor Wettkämpfen, habe mir sehr viel Druck gemacht. Dann klappt es oftmals nicht. Ich habe aus dieser Zeit auf jeden Fall gelernt, dass es kontraproduktiv ist, wenn ich zu viel will.

Und dein Vater hat dann gesagt: gut dass du in den USA warst und das mitgenommen hast?

Er hat gesagt, gut, dass du mal weg warst und ich Ruhe von dir hatte (lacht).

Ich glaube, er fand es schon gut, dass ich mal weg war. Es war nicht ganz einfach, weil ich weiterhin nach seinen Plänen trainiert habe, und er aus der Ferne diagnostizieren musste, wie es läuft. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich wieder zurückgekommen bin. Denn wenn ich im Sport noch mal etwas erreichen will, brauche ich einen Trainer, der vor Ort ist und mir sagt, was ich machen soll.

Mit Blick auf die vergangenen Monate eine kluge Entscheidung.

Auf alle Fälle.