Ein Schritt in die Normalität

11.12.2020 –  Thorsten Eisenhofer

Die Adventszeit ist eine besinnliche Zeit, eine Zeit, in der
man nicht nur mit Vorfreude auf Weihnachten vorausblickt, sondern auch auf das
sich dem Ende nähernden Jahr…

chris

Die Adventszeit ist eine besinnliche Zeit, eine Zeit, in der man nicht nur mit Vorfreude auf Weihnachten vorausblickt, sondern auch auf das sich dem Ende nähernden Jahr zurückblickt. Schaut man auf das Triathlonjahr 2020, dann wird dieser Rückblick sicherlich durch Corona bestimmt. Trotzdem hat das Triathlonjahr 2020 auch Geschichten geschrieben, die nichts mit dem Thema Corona zu tun hatten. Die vielleicht bewegendste Geschichte unter diesen Geschichten ist die des US-Amerikaners Chris Nikic. Der 21-Jährige finishte als erster Mensch mit Down-Syndrom einen Ironman (Anfang November beim Ironman Florida in 16:46:09 Stunden). Mit etwas Pathos könnte man von einem Sportmärchen sprechen. Zumindest einem kleinen.

Chris wurde im Alter von fünf Monaten das erste Mal am offenen Herzen operiert. Laufen lernte er erst im Alter von vier Jahren. Es folgten immer wieder Operationen. Als 15-Jähriger – also vor sechs Jahren – konnte er noch nicht einmal Rad fahren. Noch heute kann er aufgrund von Gleichgewichtsstörungen nicht alleine auf sein Rad steigen oder während des Fahrens nach einer Trinkflasche greifen – zum Trinken muss er anhalten. Den Ironman Florida absolvierte er aufgrund der Gleichgewichtsstörungen nicht mit einem Rennrad, sondern mit einem Rad mit einem extra breiten Lenker – trotzdem stürzte er einmal.

Die große mediale Aufmerksamkeit, die er kurz vor und vor allem in den Tagen nach dem Rennen erfuhr, zeigt, dass es eine besondere Leistung ist, die Chris Nikic vollbracht hat. Durch diese große mediale Aufmerksamkeit ist auch einiges über das Leben von Chris Nikic bekannt geworden. Und je mehr man liest, je mehr man erfährt, desto mehr hat man das Gefühl, dass er vor allem gerne als normaler junger Mann wahrgenommen werden möchte. Mit normalen Träumen). Und dessen große tägliche Herausforderung es ist, dass er seine Couch, seine Videos und Pizza mag. Und sich daher immer zum Training aufraffen muss.

Vor einem Jahr nahm Chris an einem Ein-Kilometer-Schwimmwettbewerb teil – obwohl Ärzte nach vier Ohren-Operationen 2017 prophezeiten, dass mit dem Schwimmen, das könne er vergessen. Chris jedoch biss sich durch. Nach der erfolgreichen Teilnahme an dem Schwimmwettkampf suchte er ein neues Ziel. Es sollte ein Ironman werden. Er trainierte nach dem Motto, jeden Tag einen Prozent besser werden. Zu Beginn seines Trainings schaffte er einen Liegestütz, einen Sit-up und eine Kniebeuge am Tag. Heute sind es 200 Liegestützen, 200 Sit-ups und 200 Kniebeugen täglich, so sagt er. Es ist sein Weg, gegen die mit dem Down-Syndrom einhergehende Muskelschwäche anzukämpfen.

Vielleicht ist es das, was jeder aus der berührenden Geschichte von Chris Nikic mitnehmen kann: Man kann, wenn man nur will, vieles schaffen. Man muss sich nur aufraffen und anfangen (und natürlich durchhalten). Es muss ja als (erstes) Ziel nicht gleich ein Ironman sein.