„Weltspitze bedeutet für mich kontinuierliche Top-5-Platzierungen bei bedeutenden internationalen Wettkämpfen“

19.07.2021 –  Thorsten Eisenhofer

Wie haben eineinhalb Jahr Corona-Pandemie den Triathlon verändert? Wir haben mit DTU-Sportdirektor Jörg Bügner über Planänderungen, den Weg in die Weltspitze und über Medaillenträume gesprochen.

Jonas Schomburg

Jonas Schomburg

Jörg, was hast du beruflich aus der Corona-Pandemie mitgenommen?

Zwei Dinge. Zum einen haben wir alle gelernt, digital zu kommunizieren, sind „kleine Experten“ in Videocalls geworden. Es ist eine neue Kultur des Kommunizierens. Und zudem habe ich gelernt, dass man nicht nur einen Plan braucht. Sondern mehrere. Scheitert Plan a, greift man auf Plan b zurück und gegebenenfalls dann auch noch auf Plan c. Man muss verschiedene Szenarien durchspielen und entsprechend reagieren. Das ist aufwendiger, schafft aber auch mehr Flexibilität.

Es ist also auch eine Frage der Herangehensweise.

Absolut. Ein kleiner Transfer zum Sport: Aus einer Niederlage lernt man häufig mehr als durch einen Sieg. Jetzt ist die jetzige Situation keine Niederlage, sondern eine große Herausforderung. Aber sie gibt jedem die Chance, etwas anzupacken und etwas zu verändern. Ein kleines Beispiel: Ich werde mir in Zukunft genau überlegen, für ein kurzes Meeting acht Stunden zu reisen.

Was können Sportler*innen aus dieser Situation mitnehmen?

Auch für sie ist es eine Gelegenheit, Verhaltensweisen zu hinterfragen. Zum Beispiel längere Trainingsphasen gezielt zu nutzen, um an Schwächen zu arbeiten.

Seit März des vergangenen Jahres haben nur wenige internationale Wettkämpfe stattgefunden. War das Fehlen von Wettkämpfen für Athlet*innen das Schwierigste in dieser Zeit?

Wettkämpfe sind für Athletinnen das Salz in der Suppe, der Kern des Sports. Sie brauchen Wettkämpfe, um zu wissen, wo sie stehen und um zu wissen, wo die Konkurrenz steht.

Zeigt die Corona-Pandemie trotzdem auch auf, dass für die individuelle Weiterentwicklung eines*r Athleten*in unter Umständen mehr Training und weniger Wettkämpfe sinnvoll ist?

Das kann eine Überlegung sein. Wenn man die Entwicklung des olympischen Triathlons in den vergangenen Jahren anschaut, sieht man, dass sich der Wettkampfkalender ausgedehnt hat und nun  von Anfang Frühjahr bis Anfang Winter geht. Ich kann dies als Athlet*in nutzen, um viel zu starten. Ich kann aber auch bewusst Trainingsblöcke einbauen oder ich entscheide mich für eine Kombination aus Wettkampf- und Trainingsblock.

Vermutlich ist es auch von Athlet*in zu Athlet*in unterschiedlich.

Grundsätzlich sind alle Athlet*innen unterschiedlich. Was nicht unterschiedlich ist: es gibt jedes Jahr ein Ziel. In den meisten Jahren ist es das Grand Final, alle vier Jahre ist es Olympia. An dem Tag muss ich in Topform sein, es zählt die Leistung, die ich an dem Tag abrufen kann. Der Weg dorthin kann unterschiedlich sein.

Wie weit ist Deutschland derzeit noch von der Weltspitze entfernt?

Weltspitze bedeutet für mich kontinuierliche Top-5-Platzierungen bei bedeutenden internationalen Wettkämpfen. Unsere Ergebnisse gehen zum Teil schon in diese Richtung, deshalb sind wir aus meiner Sicht in der erweiterten Weltspitze. 2016 haben wir nicht zur erweiterten Weltspitze gehört. Da waren wir weit weg davon. Wir haben seit 2016 eine tolle Entwicklung genommen, unsere Athlet*innen sind vermehrt in der Weltrangliste unter den Top 30 platziert und mitunter gelingt eine Top 10-Platzierung bei Rennen der World Triathlon Championships Series oder im World Triathlon Cup.

Jetzt geht es darum, bis zu den Olympischen Spielen 2024 den nächsten Schritt zu machen. Vielleicht können wir dann schon sagen: wir gehören zur Weltspitze und haben gute Chance im Medaillenkampf.

Sich in die Weltspitze zurückzukämpfen ist schwieriger, als aus der Weltspitze herauszufallen.

Das ist immer so. Wir haben ein Tal durchlaufen nach 2012. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es dann acht bis zehn Jahre dauert, bis man in der Weltspitze zurückgekehrt ist – es sei denn, man hat ein Jahrhunderttalent.

2024 sind Olympia-Medaillen für deutsche Triathlet*innen dann vielleicht das große und realistische Ziel. Wie sieht es dieses Jahr aus?

Wir haben eine klare Zielvorgabe: Top acht bei den Frauen, Top 15 bei den Männern, Top acht mit der Staffel. Wenn es in der Staffel super läuft, könnte mehr drin sein. Erwischen wir einen Super-Sahne-Tag, haben wir sogar eine Medaillenchance. Darüber würde ich mich natürlich riesig freuen, genauso wie bei einer Medaille im Einzelrennen. Aber es wird nichts erwartet.

Im Mixed Relay hat Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder gute Platzierungen erreicht. Ist das Staffelformat eine „deutsche Disziplin“?

Die WM fand in den vergangenen Jahren stets in Hamburg statt, das hatte für unsere Athlet*innen natürlich einen besonderen Reiz und hat ihnen einen Extra-Kick Motivation mitgegeben. Wir haben die Staffel immer sehr ernst genommen, ernster als andere Länder, wie zum Beispiel Spanien. Ich finde, das war eine gute Entscheidung. Es ist eine tolle Disziplin und eine tolle Ergänzung. Und warum sollen wir hier nicht unsere Stärken ausspielen und unsere Athlet*innen über sich hinauswachsen, wenn es darum geht, im Team anzutreten und durch das Miteinander besondere Energien freizusetzen?

 

Jörg Bügner beim Leistungstest in Potsdam

Sportdirektor Jörg Bügner